Georg Büchner in Gießen

Eine kleine Einführung

Ohne die Universität wäre Georg Büchner wohl nicht nach Gießen gekommen. Am 31. Oktober 1833 immatrikulierte sich der Darmstädter an der Academia Ludoviciana – etwas unfreiwillig. Lieber wäre er in Straßburg geblieben, wo er mit Ausnahmegenehmigung studiert hatte und seine Verlobte Minna Jaeglé lebte. Doch die Vorschriften des Großherzogtums Hessen besagten anderes: Wer in Hessen eine Anstellung  im Staatsdienst haben wollte, der musste einige Semester an der Landesuniversität studiert haben, zumindest dort den Abschluss machen.

Kurz nach seiner Immatrikulation hatte Büchner eine Hirnhautentzündung, weswegen er schon im November wieder in sein Elternhaus zurückkehrte. Mitte Januar 1834 war er wieder in Gießen, in den Folgemonaten ist von einer depressiven Verstimmung die Rede. Im Hintergrund schwelte der Konflikt mit dem Vater, der seinen ältesten Sohn zum Medizinstudium drängte. Doch für beide Studienorte gilt, dass Georg Büchner – soweit überhaupt nachweisbar – im Fach Medizin nur vergleichende Anatomie und naturwissenschaftliche Vorlesungen besucht hat. Dazu kommen in Gießen Vorlesungen in Philosophie und Geschichte. Vom »praktischen Felde der Medizin« fühlte er sich nach Aussagen seines Bruders Ludwig eher abgestoßen. Letztendlich promovierte er dann über die Nervenbahnen von Fischen (Zürich Sept. 1836), also ein naturwissenschaftliches Thema.

Wie mag Georg Büchner sein kurzes Studium in Gießen erlebt haben? Sein Leiden an der Örtlichkeit ist bekannt durch das oft bemühte Negativzitat über die in Gießen herrschende »hohle Mittelmäßigkeit in Allem«. Doch hat die Armut der Bevölkerung im ländlich geprägten Gießen seinen sozialkritischen Blick weiter geschärft. Anstatt sich auf seine Dissertation zu konzentrieren, schloss er sich – neben dem Studium – der oberhessischen Opposition an,  wurde zum ersten Mal konspirativ tätig.

Im Januar 1834 hatte er den Studenten August Becker kennengelernt und über diesen den Butzbacher Schulrektor und Pfarrer Friedrich Ludwig Weidig (1791–1837), der auch in Gießen studiert hatte und über seine Mutter mit den Gießener Liebknechts verwandt war. Im April gründete Büchner mit vier gerade aus der Haft entlassenen Studenten (sie hatten wegen Beteiligung am Frankfurter Wachensturm am 3. April 1833 eingesessen) die Gießener Sektion der »Gesellschaft der Menschenrechte«, nachdem im Monat zuvor die Darmstädter Sektion gegründet worden war. Büchner begann mit der Ausarbeitung einer Flugschrift, die von Weidig überarbeitet und entschärft wurde; dieser gab ihr auch den Titel »Der Hessische Landbote«.

Am 3. Juli 1834 erfolgte das legendäre Treffen auf der Badenburg, an dem Vertreter der Gießener und Marburger Opposition teilnahmen. Es wurde ein »Preßverein« gegründet und der Druck des »Hessischen Landboten« beschlossen – mit dem provozierenden Untertitel »Friede den Hütten! Krieg den Palästen!«. Das Manuskript wurde in eine Druckerei in Offenbach gebracht, am 31. Juli konnten die gedruckten Pamphlete in verschiedene Depots verteilt werden. Schon am gleichen Tag erfolgte der Verrat: Karl Minnigerode wurde am Selterstor in Gießen festgenommen, seine Exemplare der Flugschrift beschlagnahmt. Sie hatten die Gießener Adressaten nicht erreicht.
Büchner konnte den Verdacht der Behörden gegen ihn zunächst zerstreuen und fuhr im September 1834 nach Darmstadt, wo er sich unter der Aufsicht des Vaters auf sein Examen vorbereiten sollte. Dort begann er mit der Arbeit an »Dantons Tod«, seinem dramatischen Erstlingswerk, das er dann Anfang 1835 in fünf Wochen niederschrieb. Seine Gießener Zeit war somit nach elf Monaten beendet.

Nachdem er eine Vorladung des Friedberger Untersuchungsrichters erhalten hatte, die Schlinge der Polizeiermittlungen sich also immer enger um ihn zu zog, floh er Anfang März gerade noch rechtzeitig nach Straßburg. Alle anderen Beteiligten wurden inhaftiert und zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt; Weidig beging nach knapp zwei Jahren Haft und Folter im Darmstädter Arresthaus Selbstmord.

Georg Büchner hat seine Gießener Erfahrungen zum Teil im »Woyzeck« verarbeitet; der Zoologe und Anatom Johann Bernhard Wilbrand, der seit 1809 an der Gießener Universität lehrte, war Vorbild für die Figur des Doktors im Drama um den Mörder aus Eifersucht. »Woyzeck« entstand etwa zeitgleich mit »Leonce und Lena« im Sommer 1836, das Manuskript mit 27 Szenen wurde von Büchner aber bis zu seinem Tode nicht fertig gestellt.

In Gießen gibt es mehrere Orte der Erinnerung an Georg Büchner: die Gedenkplakette an seinem Wohnort im Seltersweg 46 und der Bronzekopf am Alten Schloss, also ganz in der Nähe des ersten Akademiegebäudes am Brandplatz. Die Universität benannte den Vortragssaal in der Nachkriegs-Bibliothek, der heutigen Alten Universitätsbibliothek, nach dem Schriftsteller, die Stadt eine Straße am Schlangenzahl und die Grundschule in der Nordstadt. Seit einigen Jahren ist sein Bronzekopf Teil der Vierergruppe »Denkmal der politischen Innovation« am Alten Schloss, mit dem 2006/07 die Reihe der »Gießener Köpfe« eröffnet wurde.